Postkarte Sindel Grynszpans an Herschel Grynszpan vom 7. November

Lieber Hermann,
Deinen lieben Brief haben wir erhalten. Bis heute hat sich an unserer traurigen Lage noch nichts geändert. Nun will ich weiterschildern. Vom Rusthaus hat man uns nicht mehr nach Hause gelassen. Freitag abend um halb 10 Uhr sind wir dann alle von Hannover abgefahren. Ein Geschrei, ein Gejammer war das. Tote hätte es wecken können. Unser Geschrei half aber nichts. Schabes früh hat man uns auf dem freien Feld abgesetzt. Ein nervenzerreißender Anblick war das wie man uns durch Wald u. Feld gejagt. Dann mußten wir in Baracken. Wer Geld hat wohnt privat. Ein Komitee von Warschau ist hier. Die Leute tun für uns was sie können. Wir to werden notdürftig verpflegt. Wir schlafen auf Strohsäcken. Decken haben wir bekommen. Aber glaub nur, lieber Hermann, lange kann man das nicht mehr aushalten. Seit wir fort sind ist das Zeug noch nicht von unserem Leibe gewesen. Tante Sure ist geblieben sie ist staatenlos. Tante Ida ist hier. Onkel Schlojme liegt im Krankenhaus. Er ist auf dem Auge operiert. Er ist auch geblieben. Er ist unsere einzigste Hoffnung wenn er mit Gottes Hilfe gesund ist.
Es steht alles unter Aufsicht der jüd. Gemeine.Geld haben wir von dir bis jetzt noch nicht erhalten. Was hört man dort was mit uns sein wird. Wir können nicht weiter. Wenn du antwortest, schicke bitte mit Antwortkarte. Viele herz. Grüsse und Küsse von alle.
Lieber Bruder u. Schwägerin. Wir befinden uns einer sehr traurigen Lage. Arm und elend sind wir. Wir haben nicht richtig zu essen. Du warst auch mal in Not. Ich bitte dich lieber Bruder, gedenk an uns. „Arisierung“ Wir haben kein Wort auszuhalten. Du sollst an uns in dieser Lage nicht vergessen. Viele herzl. Grüsse von uns alle
Sindel

Zit. nach Hans-Jürgen Döscher: „Reichskristallnacht“. Die Novemberpogrome 1938, München 2000, S. 61.

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